11.03. – Tim K. tötet in seiner ehemaligen Schule 13 Menschen, auf der Flucht zwei Passanten, letztlich sich selbst. 16 Menschen sterben.
Er war sozial vereinsamt, besaß Gewaltspiele und eine Internetanbindung, Waffen faszinierten ihn.
Die Erklärungen sind eilends ausgemacht, fast noch während der Tat äußern erste Amoklauf-Experten, die in den folgenden Stunden wie Schimmelpilze scheinbar aus dem Nichts sprießen, ihre wohldurchdachten vorab Analysen. Sondersendungen werden am Fließband produziert. Auch die Politik reagiert: Forderungen werden laut, Schock und Trauer zum Ausdruck gebracht und in das kollektive Leiden mit eingestimmt. Am Abend bereits die ersten Talkrunden zum brandaktuellen Thema. Gut durchinszeniert läuft das Medienkarussell.
Doch der selbstbestimmt-aufgeklärte Bundesbürger widersetzt sich dem Spektakel und nimmt an einer derart voyeuristischen Veranstaltung nicht teil.
Weit gefehlt, wie ein Blick auf die Einschaltquoten deutlich macht, vor allem die Nachrichtensender profitieren stark. Scheinheilig mitleidend sitzt Herr Mustermann vor dem Fernsehapparat und genießt die Tragödie, die er sicher abgeschirmt durch die Mattscheibe vom heimischen Wohnzimmersessel aus live miterleben kann. Das große auf und ab der Gefühle, die neusten Meldungen über Opferzahlen, die Gesichter der von Ungewissheit gequälten Menschen. Fast wie Kino, nur besser, weil real. Ein schlechtes Gewissen brauch er dabei nicht zu haben, immerhin findet er alles auch “ganz schrecklich” und schließlich hat er doch ein legitimes Informationsbedürfnis.
Währenddessen reibt man sich in den Fernsehanstalten die Hände, Traumquoten wie schon lange nicht mehr. Je emotionaler desto besser. Schockieren möchte man, jedem noch so kleinem grausigen Detail ist höchstes Interesse geschuldet. Auch die Anbieter von Online-Informationsdiensten können Punkten, vom hochaktuellen Täterfoto aus dubioser Quelle bis zum maßstabsgetreuen Schulplan mit eingezeichneten Weg des Täters und Leichenfundorten reicht das Repertoire. Grenzen gibt es dabei kaum, der Pressekodex wird halt etwas flexibler gehandhabt, ist ja bekanntlich eine Ausnahmesituation.
Viele Erkenntnisse werden im Verlauf des Tages gewonnen, unter anderem auch: Amokläufer wollen sich ein Denkmal setzen, sich einreihen in Liste von Helden, ihre Namen unvergesslich machen. Schnell ist von Kultverehrung im Internet die Rede. Diese Aussicht übe Faszination aus.
Doch ist es das, was der Täter eigentlich zu erreichen sucht? Sympathie? Nein, er möchte nicht mehr gemocht werden, dass hat er schon längst aufgegeben. Er möchte Anti-Held sein. Keine Verehrung, sondern Angst und Panik. Das Gefühl gesiegt zu haben. Eine geschockte Nation, ein bleibendes Denkmal. Dank der unglaublich emotionalen und zeitlich expandierten Berichterstattung kann er sich dessen auch sicher sein. Tim K. und Winnenden werden ein Symbol bleiben.
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